Aus der RegionBad Pyrmont

30 Jahre Pyrmonter Theater Companie.

Drei Jahrzehnte volle Projekte, Herausforderungen und Spielspaß. Das ist die Geschichte der Pyrmonter Theater Companie, die 1996 in Bad Pyrmont gegründet wurde. 

Das Treffpunkt-Magazin hat Jörg Schade eingeladen, um nicht nur Anekdoten und Erinnerungen zu teilen, sonder auch, um etwas aus dem Nähkästchen zu plaudern. 

„Ja, wo fange ich an? Am Anfang war das Wort“, sagt Jörg Schade mit einem breiten Schmunzeln zu Beginn des Interviews.

Jörg Schade ist ausgebildeter Schauspieler. Wie alle Mitglieder der Theater Companie – bis auf die Statisten oder die Jugendlichen aus dem Theaterclub.

Schade spielte damals am Ohnsorg -Theater. 

Zusammen mit seiner Kollegin Sandra Keck hatte man die Idee: Warum nicht im Schloss Bad Pyrmont unter freiem Himmel Theater spielen?

„Eigentlich müsste man hier was Eigenes auf die Beine stellen“, sagte Schade damals zu Keck. Nur war gerade das, etwas Eigenes aus dem Nichts zu stampfen, gar nicht so einfach. Schließlich fehlte die Organisation. Das müsste alles selbst gemacht werden!

„Und dann haben wir gesagt: Gut, wir wollen das mal probieren.“

Kurzerhand wurde beschlossen, dass die sechswöchigen Theaterferien,  geopfert werden müssten. Obwohl der Urlaub eigentlich gebraucht wurde, denn nach einer langen Spielzeit am Theater, bei der jede Woche zehn Vorstellungen gespielt wurden, war Erholung eigentlich wichtig. 

Aber die Idee war da. Sie war geboren. Und sie war gekommen, um zu bleiben. Also blieb nur eine Antwort: „Ok, wir versuchen das!“

Nur, um dann direkt vor der nächsten Frage zu stehen. Denn: Womit fing man an? Welches Stück sollte man spielen?

Die Wahl fiel auf „Mirandolina“ eine Komödie von Goldoni.

„Wir hatten mit Sandra Keck eine starke Schauspielerin“, erzählt Schade dazu. 

„Wir waren uns einig: Es muss halt eine starke Frau im Mittelpunkt stehen.“

Es gab ja nur ein: „Entweder funktioniert das oder eben nicht“, lacht Schade. 

Für das Experiment „Theater in Pyrmont“ standen keine großen Bühnenbilder zur Verfügung, keine großartigen Kostüme und auch nicht viel Dekoration. Geprobt wurde im Kurtheater. Zu der Zeit hatte der Schloss auch noch keine Schirme im grossen Hof. Gespielt wurde im kleinen Schlosshof – dort passten damals maximal 250 Leute rein, erinnert sich Schade.

Vier Wochen wurde geprobt. Und es hat nur geregnet. Richtig geschüttet, sogar. 

„Damals war der Klimawandel noch kein Thema“, witzelt Schade. „Und dann hatten wir die Generalprobe, das weiß ich noch, im dunstigen Nebel unten im Schlosshof.“ Jeder der weiß, wie sich die Nebelschwaden über die Schlossinsel ziehen können, wird sich vorstellen können, in welcher Atmosphäre die Proben also damals stattfanden. 

Die Theaterpremiere war dann aber tatsächlich der erste schöne Tag überhaupt! „Und da saßen Leute drin“, sagt Schade, man sieht ihm auch heute noch an, wie überrascht er selbst war. „Die fanden das cool! Wir haben das Stück dann einfach ein paar Mal gespielt.“

Dass wir 30 Jahre später noch immer exzellente, witzige, humorige und auch ernste Stücke der Theater Companie genießen dürfen, ist ja der Beweis dafür, dass Experimente wie diese , durchaus auf fruchtbaren Boden fallen. 

Manchmal braucht es nur eine Idee, Ehrgeiz und den Mut, einfach mal was anzupacken! Ganz ohne vorher zu wissen, ob es wirklich funktioniert. Vor allem, weil Bad Pyrmonts Geschichte auch beweist, dass Menschen Theater mögen und es auch sehen wollen. 

Das Kurtheater wurde als Schauspielhaus vor über 200 Jahren gebaut, erklärt Jörg Schade. „Um den Leuten niveauvolles, großstädtisches Theater zu geben.“

Daher lässt sich auch der Dreiklang zwischen Natur, Kultur und Kur, unter dem die Stadt auch  irgendwie seit Jahrhunderten steht, weiter fortführen. 

„Auch Leute, die hier kuren oder die Gesundheit suchen, brauchen Unterhaltung“, so Schade und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Denn schon zu Lessings und Goethes Zeiten gab es Theater in der Stadt.

Erholung, Kur, Gesundung und Unterhaltung gehen Hand in Hand und diese Tradition zieht sich bis in die aktuelle Zeit Bad Pyrmonts. 

Nachdem aber klar war, dass das Experiment „Theater“ in Bad Pyrmont Erfolg hat, stand das Team vor der Frage: „Was machen wir jetzt?“ Denn, dass sie weitermachen würden, stand zu dem Zeitpunkt außer Frage. 

Da aber der Mainstream nicht bedient werden sollte, wurde nach starken, unbekannten Stücken gesucht. Das Team wollte immer wieder  etwas machen, worauf sie Lust hatten. 

„Der Erfolg hat uns gezeigt, dass die Leute grundsätzlich an Kultur interessiert sind. Und nicht nur an etwas, was sie kennen.“

Doch wurde in dem Zuge schnell klar, dass das Projekt auf „professionelle Füße“, wie Schade sagte, gestellt werden müsse. 

Sicherlich wurden die Schauspielenden für das Spielen bezahlt, aber alles andere? 

Es wurde also der Verein Pyrmonter Theater Companie e. V. gegründet.  „Einen gemeinnützigen Theaterverein, der mit einem Vorstand und sowas alles, damit das Kind einen Namen hat. Und damit das auch steuerlich und vor allem subventionsmäßig, sponsoringmäßig, eine ganz klare Rechtsgrundlage hat. Den haben wir 1998 gegründet.“

Im Jahr 2000 hat das Team einfach gesagt: „Wir sind jetzt mal völlig verrückt“ und haben ein grosses Musical  gemacht.

„Ich bin ja schon immer musikalisch unterwegs gewesen“, hängt Schade hinterher. Und jene musikalische Produktion sollte dann „VictorVictoria“ sein, eigentlich ein Film von Blake Edwards „Ich war auf der Suche nach den Theaterrechten und habe dann festgestellt: Ach, es gibt ein Musical am Broadway, das kommt nach Deutschland und ich will das spielen.“

Da wurde kurz entschlossen das Telefon in die Hand genommen und in Amerika angerufen. „Beim Verlag  in New York fragte man dann: ‚Wo sind Sie her? Was? Wo?’ Deutschland war gerade noch so ein Begriff, wobei der immer noch dachte, wir laufen in Lederhosen rum. Jedenfalls sagte er: ‚Ja, Sie können das draussen spielen, klar, überweisen Sie bitte sofort 5.000 Dollar, damit wir wissen, dass Sie seriös sind.‘ 

Dann habe ich das Geld privat vorgestreckt, also einen Kredit aufgenommen und habe diese 5.000 Dollar überwiesen. Dann kam die zweite Auflage: Sie müssen das mit Orchester spielen. Also wir brauchten ein mindestens 30-köpfiges Orchester. Da haben wir eben mit dem Kurorchester und Herrn Kovacs  damals Kontakt aufgenommen. Dann brauchten wir noch einen Chor, wir brauchten Tontechnik, wir brauchten eine Riesendekoration.“ 

Man muss sich also vor Augen halten, was das für eine aufwändige Produktion war! Aber das Team der Theater Companie hat das auf die Beine gestellt. Ganz ohne die Schirme im Schlosshof. 

Und dann gibt es noch eine Geschichte:  „Wenn wir im kleinen Hof gespielt hatten und noch kein Dach hatten, habe ich den Wetterdienst angerufen“, erklärt Schade. „Das kostete immer zwölf Mark. Einmal anrufen. Dann guckte der Mann am Flughafen in Hamburg in sein Radargerät, wir reden noch nicht über Digitalisierungszeitalter, und sagte dann: ‚Sie können spielen‘. Oder eben nicht. Dann haben wir entschieden, wir gehen ins Kurtheater bei kleinen Stücken und bei großen Stücken ins Konzerthaus.“

Zum Glück ist der gesamte Schlosshof seit 2001 überdacht, sodass die Theater Companie nun eine gewisse Planungssicherheit hat. 

„Auf der anderen Seite haben sich im Laufe der 30 Jahre die Bedingungen immer weiter verändert“, erklärt Schade weiter und spielt auf die Schließung vom Konzerthaus und dem Kurtheater an. Beide Häuser sind zu. Wir können nicht mehr bei ganz schlechtem Wetter ins Konzerthaus ausweichen. Diese beiden Kulturstätten sind eben nicht mehr am Netz. 

Und wir haben ja dann im Jahr 2012 eine Indoor-Spielstätte dazugekriegt. Wir haben ja das Theater im Casino eröffnet –  im ehemaligen Roulette-Saal, in dem wir 10 Jahre lang Indoor gespielt haben.“

Insgesamt wurden seit 1996  59 Eigenproduktionen gemacht, erklärt Schade. Und das ist, ganz wohl gemerkt, für ein kleines Theaterensemble, eine beachtliche Leistung. Insgesamt umfasst das Ensemble ungefähr 40 Personen. Musikerinnen und Musiker, Schauspielerinnen und Schauspieler, Tänzer, Choreografen, Bühnenbildner, Dramaturgen und Regisseure. Das ist eine wahnsinnige, feste Größe.

„Wir sind auch sehr ensembletreu. Das heißt, die Zuschauerinnen und Zuschauer mögen halt sehr, dass es oft immer die gleichen Leute sind.“ 

So entstand auch die Figur der Else. Eine bissige alte Dame, die den Leuten offenbar sehr gefallen hat. Auf die Art entstand auch die Figur des Jerry Flitter, ein sonniger Schlagersänger, für den eigene Songs geschrieben wurden. Einer der Songs hat es sogar kürzlich in die Andy Borg Show geschafft!

Auch schöne lustige Momente gab es:

Einmal wurde die Polizei gerufen. Jemand hätte ins Kurtheater eingebrochen. Ein richtiger Einbrecher, wie die Dame den Mann beschrieb, der aus dem Fenster kroch. Mit gestreiftem Anzug und Insassennummer. Dabei war es nur ein vergessener Schauspielerkollege, den man im Kurtheater eingeschlossen hatte, als das Ensemble zur Probe in den Schlosshof ging. Er kroch kostümiert aus dem Fenster  (im Stück spielte er einen Einbrecher) – Handy, so Schade, gab es damals noch nicht. Die Polizei als auch die Schauspielenden haben dabei sicherlich herzlich gelacht!

Die Theater Companie hat auch den Sommernachtstraum gespielt – 2016. Zum 20jährigen Jubiläum. Mit einem Bühnenbild, das mit sage und schreibe 30.000 Euro zu Buche schlug und dreistöckig war.

2025 führte die Theater Companie das Stück 8 Frauen auf – ein absoluter Erfolg. So erfolgreich sogar, dass sie 2026 noch einmal mit 3 Shows auftraten. 

„Viel Lärm um Nichts „ lockte 2026 zahlreiche Besuchende in die Vorstellungen und mit dem Vis-á-Vis Programm, dass sich auch in Pyrmont dieses Jahr großer Beliebtheit erfreute, geht es bald auf eine kleine Tournee. 

Die Theater Companie hat über die vergangenen drei Jahrzehnte Stücke auf die Bühne gebracht, die allesamt besonders waren und nur hier im Schlosshof gespielt wurden.

Und das haben wir einzig dem Anspruch des Teams zu verdanken, nicht den Mainstream zu bedienen. 

Die Theater Companie ist ein fester Bestandteil der Kulturlandschaft, die Bad Pyrmont zu bieten hat und es ist schwer, sich eben jene Kulturlandschaft ohne die Theaterstücke vorzustellen. 

Daher wünscht auch das Team des Treffpunkts Herzlichen Glückwunsch zu 30 Jahren Theater Companie!

Auf viele weitere, tolle, kreative Jahre und ausverkaufte Vorstellungen!

Bilder: Zur Verfügung gestellt durch die Theater Companie